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Warum manche ausrasten und andere ruhig bleiben
von Gisela Schütte
Thorsten Kienast von der Eilbeker Schön Klinik forscht rund um den Botenstoff Dopamin - Dieser steuert, wie stark Menschen auf bestimmte Reize reagieren.
Es ist eine Alltagssituation, die jeder kennt: Ein berühmter Experte referiert, am Ende sind Fragen möglich. Die meisten Zuhörer im Auditorium sehen betreten zu Boden. Nur einer oder zwei sprinten sofort zum Mikrofon und fragen, sinnvoll oder nicht, langatmig oder gezielt. Und mancher Schweiger, der eigentlich viel schlauer wäre, denkt: "Die trauen sich was."
Woran liegt es, dass manche Menschen ohne Scheu in den Mittelpunkt treten und andere, die mindestens genau so viel zu sagen oder zu fragen hätten, sich bescheiden im Hintergrund halten? Dieser Frage geht Dr. Thorsten Kienast bei seinen langjährigen Forschungen nach. Der Psychiater, Psychotherapeut und Neurobiologe hat mit internationalen Kollegen untersucht, warum manche Menschen mutig nach vorn gehen, während andere sich bescheiden zurückhalten. Das hat nicht nur Bedeutung für die Wirkung der jeweiligen Charaktere im Alltag, es erlaubt den Therapeuten auch wichtige Rückschlüsse für den Umgang mit Menschen, die ihre Gefühle so wenig zügeln können, dass sie damit sich und anderen schaden.
Kienast, der gerade erst von der Berliner Charité als Chefarzt an die Schön Klinik Hamburg-Eilbek wechselte, bringt wichtige Erkenntnisse über dieses Zusammenspiel mit in die Hansestadt. Er ist Verhaltenstherapeut und gleichermaßen in der Therapie wie auf dem Gebiet der funktionellen Neurobiologie tätig. "Die Erkenntnisse der Neurobiologie prägen schon heute pharmakologische Entwicklungen und psychotherapeutische Behandlungsmethoden", sagt der Arzt.
Entscheidend mitverantwortlich für die Ausprägung unterschiedlicher Temperamente von Menschen sei das sogenannte dopaminerge System, das den Ausstoß des Neurotransmitters Dopamin steuert. Der Botenstoff gibt Impulse an Nerven und Muskeln und beeinflusst die Wahrnehmung - er bestimmt, wie stark Menschen auf bestimmte Reize reagieren.
Untersucht haben Kienast und sein Team dies an gesunden Probanden. Die Testpersonen betrachteten während der Untersuchung Bilder, die gezielt unterschiedliche Reaktionen auslösten - Schrecken, Angst oder Ekel beispielsweise, Trauer oder Bestürzung. Je mehr Dopamin in bestimmten Regionen des Gehirns vorhanden war, desto heftiger kam die Reaktion der Teilnehmer. Diese Ergebnisse sind von der Arbeitsgruppe bereits in renommierten wissenschaftlichen Journalen wie "Nature Neuroscience" veröffentlicht. Über die Reaktionen bestimmt jedoch nicht allein das Dopamin. Auch ein Bereich in den Schläfenlappen des Gehirns spielt eine Rolle, er heißt Mandelkern (Amygdala). Er kommuniziert mit der Dopamin-Zentrale, und je mehr Botenstoff diese abgibt, desto stärker reagiert Amygdala auf emotionale Reize. Das ist die Grundlage für die Vehemenz der Verhaltensreaktion einer Person. Der Mandelkern kommuniziert wiederum mit einer weiteren Hirnregion, dem dorsalen anterioren Cingulum. Und je besser diese beiden Regionen miteinander im Kontakt stehen, desto besser lassen sich die Reaktionen steuern, auch wenn viel Dopamin im Spiel ist. Diese Kommunikation lässt sich nun trainieren. Und daraus wiederum ergibt sich, dass auch stillere, ängstlichere Personen mutiges Verhalten lernen können, sagt Kienast.
Unterdessen ist das dopaminerge System nicht nur an der Verarbeitung von Gefühlen beteiligt, es hat auch Verbindung zu Suchtverhalten, Schizophrenie, Parkinson und wahrscheinlich auch zu Persönlichkeitsstörungen. Das entsprechende psychotherapeutische Handwerkszeug hat Kienast in Zusammenarbeit mit der bekannten amerikanischen Therapeutin Marsha Linehan aus Washington entwickelt. Das sperrige Schlagwort lautet Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT. Damit erhalten Menschen für Stresssituationen Verhaltensrezepte, die ihnen so viel Zeit zum Durchatmen eröffnen, dass sie nicht ausrasten. "Wir sprechen von Patienten, die zum Suizid neigen, die sich selbst oder andere verletzen und die auch für viele Therapeuten eine große Belastung darstellen", sagt Kienast. Die Betroffenen lernen in regelrechten Trainingscamps, ihre Gefühle zu kontrollieren. Sie bekommen eine Messlatte an die Hand, nach der sie die Belastung ihrer Gefühle gewichten - von eins bis zehn.
Bei sieben wird es brenzlig. Für solche Fälle werden dann Ausweichhandlungen angeboten, damit die Betroffenen trotz des Gefühlsausbruches nicht die Kontrolle über sich verlieren. Es klingt banal, doch dazu zählen Ablenkungsrituale wie Eiswürfel lutschen, in Chilis beißen, ein Wortspiel, das die Konzentration fordert. Diese "Skills" sollen Zeit schaffen. Anschließend folgt ein Problemlösetraining. Die Patienten werden regelrecht gedrillt. Was für psychisch schwer Kranke taugt, hilft auch Menschen im Alltag, die von schweren Schicksalsschlägen getroffen sind - seien es private Tragödien oder Schwierigkeiten im Beruf. Es gebe immer drei Entscheidungsgrundlagen, erklärt Dr. Kienast: die emotionale, die rationale und die vernünftige, die sich aus beiden zusammensetzt.
Grundlage der vernünftigen Entscheidung ist die Erkenntnis, dass jedes Gefühl - und mag es auch noch so bitter sein - nicht andauert. Um dies erkennen zu können, müsse man für die Menschen unter Druck Zeit schaffen, damit sie den ersten Sturm der Gefühle überstehen, die Emotionen kontrollieren und dann neue Sichtweisen, Strategien entwickeln können, wie sie mit dem Erlebten umgehen, wie sie neue Perspektiven finden - etwa nach dem Verlust von Menschen. Das sei auch ein ganz wichtiger Punkt für Personen, die ausgebrannt sind und an Burn-out-Symptomen leiden: Sie müssten sich nicht nur regenerieren, sondern auch Veränderungen akzeptieren und sich neue Ziele setzen.
Kienast will diese Konzepte nun in Hamburg umsetzen, in der Eilbeker Psychiatrie, für die gerade ein Neubau entsteht. Dabei hat der Arzt als ausgebildeter Ökonom auch die sich verschärfenden gesundheitsökonomischen Bedingungen im Blick. "Die größte Gefahr ist derzeit, dass unser Gesundheitssystem psychiatrisch-psychotherapeutischen Patienten zukünftig den rechtzeitigen Zugang zu wirksamen Therapien deutlich erschwert oder ihn sogar verhindert. Damit würden unnötig schwere Krankheitsverläufe, hohes persönliches Leid und hohe gesellschaftliche Folgekosten in Kauf genommen." Klinisch und wissenschaftlich setzt Dr. Thorsten Kienast auch auf die enge Kooperation mit den anderen Psychiatrien der Stadt, vor allem mit dem Universitätsklinikum Eppendorf, das in den Neurowissenschaften einen starken Forschungsschwerpunkt hat. Seinen Forschungsstützpunkt an der Charité behält der Neuhamburger jedoch bei.