Magazin Denkausbruch


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Theorien

Schizophrenie

Frühere Theorien


Jede Zeit hatte ihre eigenen Vorstellungen über die Ursachen der Schizophrenie: Im Altertum wurde Schizophreniekranken oft nachgesagt, sie seien von guten oder bösen Geistern besessen. Am Anfang der Neuzeit ging man von einer Erbkrankheit aus. In den Sechziger- und Siebziger-Jahren diese Jahrhunderts hielt man seelische und Umweltfaktoren für die ausschlaggebenden. Die jeweiligen Vorstellungen einer Zeit haben immer den Umgang mit den Betroffenen geprägt: "Besessenen" hat man versucht, die bösen Geister auszutreiben, man hat sie meist für gefährlich gehalten und aus der Gesellschaft ausgegrenzt oder eingesperrt. Die Vorstellung von der Schizophrenie als Erbkrankheit hat letztlich für das schlimme Schicksal Tausender psychisch Kranker im Nationalsozialismus als Begründung gedient. Die Theorie schließlich, das Familienklima, die Erziehung seien "schuld" an der Entstehung dieser Krankheit, hat zu vielfachen unverdienten Schuldzuweisungen an Eltern, insbesondere Mütter, erkrankter Menschen geführt.


Was wissen wir heute?

Auch nach einem Jahrhundert der Erforschung dieser Krankheit kennen wir "die Ursache" der Schizophrenie nicht. Genauer gesagt: Wir sind uns heute recht sicher, dass es nicht eine Ursache gibt, sondern dass mehrere Faktoren zur Entstehung der Schizophrenie beitragen und ihren Verlauf beeinflussen. Verschiedene Forschungsrichtungen haben mit ihren Ergebnissen zum heutigen Wissensstand beigetragen:
Große epidemiologische, das heißt Studien zur Häufigkeit der schizophrenen Psychosen haben ergeben, dass diese in allen Kulturkreisen und, soweit wir es überblicken, zu allen Zeiten gleich häufig vorgekommen ist. Dieses Wissen lässt den Schluss zu, dass es sich hier nicht um eine Krankheit handelt, die in erster Linie auf gesellschaftliche oder kulturelle Ursachen zurückzuführen ist. Dieselben Untersuchungen haben aber auch ergeben, dass die Verläufe der Erkrankung in weniger entwickelten Ländern oft günstiger sind.
Während in der Allgemeinbevölkerung einer von hundert Menschen das Risiko hat, einmal in seinem Leben an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, liegt diese Häufigkeit bei eineiigen Zwillingen Erkrankter um die 50%. Dieses Wissen aus der genetischen Forschung lehrt uns, dass Erbfaktoren zwar eine Rolle bei der Entstehung spielen (je näher der Verwandtschaftsgrad, um so größer das Erkrankungsrisiko), dass sie aber nicht allein verantwortlich sein können (sonst müsste das Risiko bei ja genetisch identischen eineiigen Zwillingen 100% sein).
Die biologische Forschung hat im Wesentlichen zweierlei beizutragen: Aus vielen Untersuchungen mittels Computer- und Kernspintomographie wissen wir, dass zumindest bei einem Teil Schizophreniekranker bestimmte Hirnregionen (nämlich das so genannte Limbische System und die Stirnhirnregion) Veränderungen aufweisen. Und wir haben gelernt, dass bei dieser Krankheit immer bestimmte Botenstoffe des Gehirns im Übermaß vorkommen.
Die psychologische Forschung schließlich hat hauptsächlich zeigen können, dass akuten schizophrenen Erkrankungen in aller Regel seelische Belastungen vorausgehen und, dass bei Erkrankten das Risiko erneuter akuter Krankheitsphasen wesentlich mit dem Ausmaß ungünstiger Gefühlsäußerungen in ihrer direkten Umwelt zusammen hängt.
Versuchte man, aus all diesen Erkenntnissen eine Theorie der Krankheitsentstehung zusammenzufassen, so könnte sie vielleicht folgendermaßen lauten: Ein Mensch bekommt von seinen Eltern eine Bereitschaft zur Erkrankung mit, die wahrscheinlich in bestimmten biologischen Eigenschaften seines Gehirns niedergelegt ist; diese Bereitschaft kann man Verletzlichkeit oder Vulnerabilität nennen. Ist er im Lauf seines frühen Erwachsenenalters übermäßigen Lebensbelastungen ausgesetzt, kann er schizophren erkranken. Die Behandlungs- und Lebensumstände schließlich haben wesentlichen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung.

AK


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