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Teure Gesundheit

Wirtschaft

Wie betrügerische Ärzte Patienten und Krankenkassen abkassieren


Schwangerschaftsberatung für Kinder, Arbeitstage von angeblich 22 Stunden, Abrechnung von nicht verkauften Medikamenten: Betrug und Korruption kosten das deutsche Gesundheitswesen jedes Jahr mehrere Milliarden. Der Verbraucher zahlt die Zeche, allein zu Beginn dieses Jahres steigen erneut die Krankenkassenbeiträge. PLUSMINUS über das miese Abkassieren betrügerischer Ärzte.

NDR) Tageszeitungen wie die Hamburger Morgenpost oder Bild Hamburg schreiben: "Die Abzocker in Weiß! Das ist Deutschlands frechster Hausarzt!" oder "Doktor Dumm-Dreist!"
Gemeint ist der Hamburger Internist Dr. H.. Er soll über Jahre betrogen und falsch abgerechnet haben, unter anderem Geld für Schwangerschaftsberatung bei Kleinkindern und 83-jährigen Frauen gefordert haben. Für Hausbesuche soll er mehr als 450 Kilometer pro Tag angegeben und so Arbeitstage von mehr als 20 Stunden abgerechnet haben.

Krankenversicherungen ermitteln gegen Betrug und Korruption

Solche Ärzte jagt Chef-Ermittlerin Dina Michels. Ihr Auftrag: Für eine gesetzliche Krankenversicherung Betrug und Korruption bekämpfen. Mehr als 8.000 Fälle haben sie und ihr Team bereits aufgedeckt.

Dina Michels, KKH-Allianz, Leiterin der Stelle zum Fehlverhalten im Gesundheitswesen:
"Betrug und Korruption sind im Gesundheitswesen wesentlich weiter verbreitet als im Allgemeinen angenommen wird. Transparency International schätzt Schäden bis zu 20 Milliarden Euro pro Jahr für die gesamte gesetzliche Krankenversicherung, und wir müssen im Bereich der Korruption tatsächlich von mafiösen Strukturen ausgehen."

Geringe Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden

Sogar das Ärzteblatt schreibt über "Milliardenverluste durch Betrug" und beruft sich dabei auf eine Studie des European Healthcare Fraud & Corruption Network (EHFCN). Genaue Zahlen allerdings kennt noch nicht einmal das Bundeskriminalamt, denn überführt wird kaum jemand. Die Wahrscheinlichkeit beim Betrug erwischt zu werden geht gegen Null, so die Experten.

Dr. Anke Martiny, Transparency Deutschland:
"Betrug und Korruption im Gesundheitswesen sind nach wie vor unkalkulierbar hoch, weil nur ein ganz geringer Teil von diesen Fällen aufgedeckt wird - und das auch eher zufällig. Denn: Es gibt keine systematische Erfassung von Betrugsfällen und Korruption im deutschen Gesundheitswesen."

Versicherte zahlen die Zeche


Viele Krankenkassen haben zu lange weg geschaut. Die Ermittlungen sind mühsam, dauern oft Monate. Oft sind es aber auch Patienten, die die Ermittler aufmerksam machen. Letztendlich geht der Schaden aber zu Lasten der Versicherten.

Dina Michels:
"Durch Betrug im Gesundheitswesen wird ja dem System immer Geld entzogen. Das heißt, es wirkt sich am Ende immer auf die Beiträge aus, das erleben wir zurzeit auch wieder. Das heißt, es zahlt immer der Versicherte die Zeche."

Kassenärztliche Vereinigung als Kontrollinstanz

Laut Gesetz muss die Kassenärztliche Vereinigung bzw. die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Ärzte und deren Abrechnungen kontrollieren.
Das Sozialgesetzbuch schreibt den Kassenärztlichen Vereinigungen vor, "[...] Fällen [...] nachzugehen [...], die auf Unregelmäßigkeiten oder auf rechtswidrige oder zweckwidrige Nutzung von Finanzmitteln [...] hindeuten".

Dr. Anke Martiny:
"Nur die Kassenärztliche Vereinigung kann im Prinzip die Zuordnung zwischen einem Arzt und einem Patienten vornehmen. Das kann die Krankenkasse hinterher nicht. Also, die Kontrolle über Fehlverhalten von Ärzten müsste bei der Kassenärztlichen Vereinigung geleistet werden - sie wird aber nicht geleistet."

KV soll eigene Mitglieder kontrollieren und anzeigen

Die Kassenärztlichen Vereinigungen finanzieren sich durch die Beiträge ihrer Mitglieder, der Ärzte also. Gleichzeitig sollen sie sie kontrollieren und anzeigen. Der Rechtswissenschaftler Prof. Bernd-Dieter Meier forscht zu Betrug und Korruption im Gesundheitswesen. Er bestätigt, dass die Doppelrolle der KV nicht funktioniert:

Prof. Dr. Bernd-Dieter Meier, Juristische Fakultät der Leibniz Universität Hannover:
"Möglicherweise hängt es mit dem alten Satz zusammen, 'eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus', dass das so eine Art von Verbandsdenken ist."

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung will sich vor unserer Kamera nicht äußern und antwortet nur schriftlich:
"Da jeder betrügerisch abrechnende Arzt zum Schaden seiner ehrlichen Kollegen handelt, befinden [wir uns] hier nicht im Interessenskonflikt. Im Gegenteil: Wir handeln im Interesse der korrekt abrechnenden Kolleginnen und Kollegen."

Dr. Anke Martiny:
"Die Kassenärztlichen Vereinigungen sollten endlich mit offenen Karten spielen und sollten auch anerkennen, dass es Missstände gibt und sich an der Beseitigung dieser Missstände beteiligen. Sie sollten nicht kneifen."

Millionen zurückgeholt durch Ermittler

Die Ermittler um Dina Michels konnten bereits Millionen für Ihre Mitglieder zurück holen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben ihnen dabei allerdings kaum geholfen.

Dina Michels:
"Ich kann für jede Krankenkasse nur empfehlen, dass sie dem Betrug auch wirklich nachgeht, um für die Versicherten auch was zu tun und die Beiträge stabil zu halten."

Auch im Falle des so genannten "Dr. Dumm-Dreist" war es nicht die Kassenärztliche Vereinigung, die ihn erwischt hat, nur durch Zufall flog er auf. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Autorin: Sara Rainer

Quelle: NDR


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