Magazin Denkausbruch


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Manfred Lütz „Hüten Sie sich vor den Normalen!“

Buchbesprechung

Manfred Lütz - Arzt, Psychiater und Autor nimmt in einer Gesellschaftsanalyse all die wahnsinnig und blödsinnig Normalen ins Visier und warnt mit guten Gründen und drastischen Beispielen vor einer Diktatur der Normalität.

Von Stefan Rammer

Was für ein Buchtitel:„Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“. Dr. Manfred Lütz (55), Arzt, Psychiater und Theologe aus Köln, der zuletzt mit „Gott - Eine kleine Geschichte des Größten“ einen Bestseller verfasst hat, legt nun eine scharfzüngige, mit satirischem Witz

gepfefferte Gesellschaftssatire vor. „Eine heitere Seelenkunde“ nennt er das Buch.
Wie kommt er dazu, in den Normalen das Problem zu sehen? Will er die ganze Nation auf die Couch legen? „Um Gottes willen nein!“, sagt er. „Es geht gerade nicht darum, jetzt auch noch die Normalen zu Kranken zu stempeln. Im Gegenteil, es ist ein Unding, wenn aus jeder Träne und jeder Krise schon gleich eine Depression gemacht wird. Merkwürdigerweise wissen die Menschen heute viel zu wenig über Psychiatrie und Psychotherapie. Was Magersucht ist, darüber gibt es alle zwei Wochen einen Zeitungsbeitrag, aber was Schizophrenie wirklich ist, weiß keiner. Doch das ist eine viel häufigere Erkrankung. Da will das Buch aufklären.“

„Hitler war zutiefst böse, aber nicht krank“

Wenn Lütz tagsüber mit seinen liebenswürdigen und oft feinsinnigen Patienten zu tun hat und dann abends die Nachrichten über aggressive Kriegshetzer, rücksichtslose Wirtschaftskriminelle und hemmungslose Egomanen sieht, die niemand behandeln kann, weil die ja nun mal nicht krank sind, dann kommt ihm bisweilen der ketzerische Gedanke: „Wir behandeln die Falschen.“
So geht es am Anfang des Buchs um den „ganz normalen Wahnsinn“ eines Hitler, eines Stalin und der „wahnsinnig normalen“ Mitläufer, die es zu allen Zeiten gibt und die in unseren Tagen eine Diktatur der Normalität errichten mit strengen, politisch korrekten Vorschriften, was man zu sagen hat und was man nicht sagen darf. Hitler nennt Lütz einen „zutiefst bösen Menschen“, aber „krank war er eben nicht“.
Als Vertreter des „ganz normalen Blödsinns“ nennt Lütz Menschen wie Dieter Bohlen, Paris Hilton oder Boris Becker. Spricht hier der scharfzüngige Gesellschaftsanalytiker aus ihm? Er sieht es im Gespräch mit der PNP so: „Angesichts dieses ganz normalen Blödsinns erscheinen meine Patienten oft als Ausbund der Vernünftigkeit. Gegenüber den öden Witzmüllhalden mancher Comedyshow sind die meisten Maniker erheblich unterhaltsamer.“ Da legt er gleich nach und sich auch mit der Esoterik-Sparte an. „Diesen ganz normalen Blödsinn kann man nicht behandeln - weil er leider normal ist. Leute, die an merkwürdige Energien aus Steinen, toten Fröschen und Wasseradern glauben und umstandslos mit der verstorbenen Schwiegermutter mithilfe von Gläserrücken plauschen, sind nicht behandelbar, weil sie berstend gesund sind.“
Lütz wird gerne auch als Experte in Sachen Amoklauf gehört. Wo verläuft nun die Grenze zwischen normal und verrückt? Lütz: „Die Normalen sind nicht verrückt, aber sie sind nicht selten ein Problem.“ Die entsetzlichen Amokläufe der vergangenen Zeit seien ein gutes Beispiel. Der erste Reflex der Öffentlichkeit sei: Wer so etwas tut, muss doch „verrückt“ sein! Experten werden befragt, Vermutungen in die Welt gesetzt. „Doch alle Beschreibungen der Täter, die mir zugänglich waren, sprachen am Ende dafür, dass die Täter eben nicht psychisch krank waren. Und genau das ist ja das Beunruhigende. Ich werde nicht selten von Fernsehsendern nach irgendwelchen Untaten von psychisch Kranken befragt. Dann weise ich am Ende stets darauf hin, dass statistisch gesehen psychisch Kranke weniger straffällig werden als Normale. Also hüten Sie sich vor den Normalen!“
Wir wagen die Frage an den mediengewandten Arzt, ob er angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl auch etwas über die Politik sagen wolle. Natürlich tut er das, aber nicht ohne zuvor auf Dr. Eckart von Hirschhausen hinzuweisen, ebenfalls Arzt, Autor und Kabarettist. Er hat ein Vorwort zum Buch geschrieben. Darin klärt er auf, dass „Schizophrenie“ wörtlich aus dem Griechischen übersetzt „gespaltenes Zwerchfell“ heißt. Lachen, Seele und Atmung als Einheit. Aristoteles dachte, das Hirn sei nur ein Apparat, um das Blut zu kühlen. „Wie wir wissen, hat er bei vielen Menschen Recht behalten.“ Lütz ist dagegen, „immer über die Politiker zu schimpfen. Jede demokratische Gesellschaft hat die Politiker, die sie verdient.“

Wichtig für Temperatur in der Gesellschaft

Die in der Gesellschaft inzwischen allgemein vorherrschende „political correctness“ zwinge Politiker, nur noch in möglichst unstrittigen Formeln daherzureden. „In diese öde Langeweile allgemein herrschender Normalität platzen immer wieder die psychisch Kranken hinein, die sich eben nicht an all diese Regeln halten. Damit halten sie die humane Temperatur in unserer Gesellschaft über dem Gefrierpunkt.“
Dieses Buch lässt einen alles andere als kalt. Es ermöglicht ein vergnügliches Abtauchen in Psychowelten.

Manfred Lütz: „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“, 185 Seiten, 17,95 Euro, Gütersloher Verlagshaus.

Quelle: www.pnp.de

Interview: www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1040000/


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