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Gesellschaft

Bild: Bruno Schlatter

Deutsche dominieren im Burghölzli



Von René Staubli

An der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich geben deutsche Ärzte den Ton an. Wenn das ein Problem ist, dann ein schweizerisches.

Die Dominanz der Deutschen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ist bemerk- enswert: Sie stellen 80 der 160 Ärzte und besetzen 9 von 16 medizinischen Top-Positionen; von den drei Klinikdirektoren kommen zwei aus Deutschland. Als kürzlich der langjährige Schweizer Klinikdirektor Daniel Hell pensioniert wurde, meldeten sich gegen 40 Kandidaten, darunter nur 4 Schweizer. Die Wahl fiel auf den Thurgauer Erich Seifritz. Die Kirche blieb noch einmal im Dorf.

Dabei hat das Burghölzli, wie die Klinik landläufig genannt wird, eine ausgeprägt schweizerische Tradition. Zwar wurde sie um 1870 nach dem Konzept des deutschen Psychiaters Wilhelm Griesinger gebaut und zunächst von dessen Landsmann Bernhard von Gudden geleitet. Doch in ihrer 140-jährigen Geschichte standen der Institution mehr als 100 Jahre lang Schweizer Direktoren vor. Prägend waren Auguste Forel, der «Vater der Schweizer Psychiatrie» und Eugen Bleuler, dem wir den Krankheitsbegriff «Schizophrenie» verdanken. Mit ihm zusammen führte C.G. Jung, auch er ein Schweizer, am Burghölzli die Psychoanalyse ein.

Dass die jährlich 7700 ambulant und stationär behandelten Patienten in diesem Ausmass auf deutsche Ärzte treffen, hat vor allem mit Entscheidungen von Schweizer Politikern und der Berufsauffassung von Schweizer Klinikdirektoren in den letzten 20 Jahren zu tun. Sie haben es gleichermassen verpasst, den Nachwuchs aus dem eigenen Land zu fördern. Seit 1990 hat sich laut FMH-Statistik die Zahl der im Land praktizierenden Psychiater und Psychotherapeuten von 1100 auf 2600 mehr als verdoppelt. Die Schweizer Universitäten vermochten die Nachfrage nicht zu befriedigen. Während sich in den 90er-Jahren noch 12 Prozent aller Medizinstudenten auf diese Fachrichtung spezialisierten, liegt der Anteil heute nur noch bei 5 Prozent. Entsprechend gross ist der Mangel an qualifizierten Kräften. In die Lücke sprangen vor allem Deutsche.

«Forschung ist nicht wichtig»

Der Psychiater Joe Hättenschwiler, einst Oberarzt am Burghölzli, heute Leiter des Zürcher Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung, spricht von «Unterlassungen und Fehleinschätzungen, deren Folgen nun ausgebadet werden müssen». Politische Massnahmen wie die Beschränkung der Studienplätze (numerus clausus) hätten sich fatal ausgewirkt. Die Forschung und die kombinierte akademische und klinische Nachwuchsförderung seien im Vergleich zur traditionellen ärztlichen Versorgung der Patienten jahrelang stiefmütterlich behandelt worden: «Zwei Generationen von Schweizer Klinikdirektoren haben diesbezüglich – nicht nur am Burghölzli – gesündigt».

Hättenschwiler erinnert sich an seine erste Zeit als Oberarzt am Burghölzli, als er sich für Forschungsmöglichkeiten interessierte und der Chef ihm mitteilte, hier sei Forschung nicht wichtig. Dass sich für die kürzlich zu besetzende Klinikdirektorenstelle nur zwei Schweizer mit reellen Chancen bewerben konnten, sei «die Quittung für diese verfehlte Strategie».

Für Schweizer Studenten ist der Beruf des Psychiaters aus verschiedenen Gründen wenig attraktiv. In freier Praxis tätige Chirurgen verdienen laut FMH-Statistik jährlich durchschnittlich 247'000 Franken, Augenärzte 333'000 Franken und Allgemeinmediziner immerhin noch 196'000 Franken. Psychiater hingegen müssen sich mit 132'000 Franken bescheiden. Wer sich in Psychiatrie und P sychotherapie weiterbildet, muss ausserdem mit Ausbildungskosten von mindestens 35'000 bis 50'000 Franken rechnen, etwa für die Supervision und Selbsterfahrung. Das ist deutlich mehr als in andern medizinischen Bereichen. Kommt dazu, dass das gesellschaftliche Ansehen der Psychiater vergleichsweise gering ist.


Deutsche Quelle versiegt bald


Kenner sagen, der Betrieb im Burghölzli bekäme arge Probleme, wenn die Deutschen nicht da wären. Diese stellen rund 200 der 1100 Mitarbeitenden, vor allem Ärzte und Pflegende. Nebst 770 Schweizern sind Personen aus weiteren 42 Nationen angestellt. Spitaldirektor Erich Baumann bestätigt: «Ohne ausländisches Fachpersonal hätten wir akute Engpässe.» Dies gilt aber nicht nur für das Burghölzli. Rund 40 Prozent der in Schweizer Spitälern tätigen Ärzte haben ein ausländisches Diplom.

Baumann verweist auf die jüngsten Entwicklungen: «Russische Ärzte gehen nach Polen, polnische Ärzte zieht es nach Deut schland, deutsche Ärzte kommen zu uns – alle gehen dorthin, wo ihnen das Arbeitsumfeld attraktiver erscheint.» Eine Ende sei freilich absehbar: «Man kann es sich in Deutschland nicht länger leisten, Studenten für teures Geld auszubilden, um sie dann ans Ausland zu verlieren.» Wenn es im Nachbarland gelinge, die Arbeitsbedingungen für Mediziner zu verbessern, versiege die Quelle: «Wir müssen deshalb dringend Massnahmen ergreifen, um die Attraktivität der Psychiatrie für Schweizer Studenten zu erhöhen.»

Zu den deutschen Psychiatern, die nach Zürich gekommen sind, gehört Matthias Jäger. Hier sei das Fach «sehr stark psychotherapeutisch geprägt», konstatiert er. Die biologisch-technische Forschung habe «bis vor einigen Jahren einen eher geringen Stellenwert» besessen. Das soll sich laut Spitaldirektor Baumann ändern. Man will die Psychiatrie als attraktive, vielseitige Fachrichtung positionieren. Demnächst nimmt die Klinik ein MRI-Gerät in Betrieb , mit dem psychiatrische Erkrankungen früher und besser diagnostiziert und Therapieergebnisse genauer ausgewertet werden sollen. «Das wird uns international in eine Spitzenposition bringen», sagt Klinikdirektor Erich Seifritz. Bessere Löhne für Ärzte sollen ab Juli 2010 zusätzliche Anreize bieten.

Quelle


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